Ich habe ganz gut geschlafen und stehe gegen 6 Uhr auf. Frühstück gibt es hier nicht, aber ich bin auch ohne Frühstück noch einmal richtig motiviert, da es heute die letzte Etappe ist. Nachdem für heute Nachmittag Gewitter angesagt sind, starte ich schon kurz vor 7 Uhr. Die Kirche hat immer noch zu. Dort stehen 2 Damen, auch mit Pilgerrucksack. Ich gehe davon aus, dass sie Deutsche sind. Sie schauen genauso unschlüssig wie ich gestern, was man hier im Ort außer der Kirche noch fotografieren kann. Die Frage ist schnell beantwortet. Nichts. Die beiden machen sich dann auf den Weg und ich kehre noch beim Bäcker ein. Hungrig bin ich überhaupt nicht und so bestelle ich mir ein Baguette-Sandwich mit Schinken zum Mitnehmen. Kaffee fällt aus. Hinaus aus diesem komischen Ort atme ich die nächsten 200 m die herrlichen Gerüche des Müllautos ein. Die Gasse ist hier so eng, dass ich nicht vorbeikomme. Erst als das Auto später rechts abbiegt, kann ich tief durchatmen. Dann geht es erst flach über feuchte Wiesen und dann kommen die ersten kräftigen Anstiege. Also nicht wie bei der letzten Etappe der Tour de France noch ein paar Runden durch Paris, nein ich kämpfe hier bis zum Schluss noch um das Bergtrikot. Die 2 Damen sind zwar noch in Sichtweite, legen aber ein beachtliches Tempo vor. Nach der ersten großen Anstiegsphase versuche ich es mit Frühstück. Zweimal vom Brot abgebissen, dann war es das schon wieder. Lieber trinken. Im Bergdorf Valencogne hole ich mir noch einen Pilgerstempel in der Kirche, nachdem ich in Les Abrets keinen bekommen habe. Es geht weiter immer wieder bergauf und ich komme in die nächste Siedlung. Dort wühlt eine Frau gerade im Garten und ich zeige auf meine Wasserflasche mit der Bitte, diese aufzufüllen. Sie spricht mich gleich deutsch an und so kommen wir ins Gespräch. Sie ist zwar Französin, lebte aber bis vor kurzem nur in Deutschland. Ihr Vater ist Franzose und war in Deutschland stationiert. Dann haben sie irgendwie geerbt und haben sich dann das Haus gekauft. Auch nicht für die Ewigkeit, da es im Alter dann vielleicht ohne Auto schwierig wird. Ich bekomme noch eine Banane angeboten. Die nehme ich dankend an. Sie rutscht heute wahrscheinlich besser als das Weißbrot. Mit Banane und Wasser aufgetankt ziehe ich weiter oben auf einem Höhenzug. Vor Le Pin taucht im Tal der wunderschöne See Lac Paladru auf. Das Wasser ist so blau und verlockt mich fast zum Baden. Aber wegen der angekündigten Gewitter sitzt mir die Zeit etwas im Nacken und ich entscheide mich, weiterzugehen. Ein Brunnen, ein Tisch und zwei Stühle daneben laden mich zur nächsten Pause in Le Pin ein. Hier kann ich auch wieder Wasser auffüllen. Dann kommen die 2 Damen dazu und ich kann mir nicht erklären, wo ich sie überholt haben könnte. Aha, die beiden waren noch kurz unten am See. Sie sind aus Heidelberg, in Genf gestartet und laufen ab morgen noch 3 Etappen. Ich räume meinen Stuhl und ziehe weiter. Ich werde von den beiden aber beim nächsten Anstieg überholt. Immer wieder gibt es schöne Blicke in Berge bis zu den Alpen.
Dann geht es über eine schöne Hochebene und als ich auf dem Schild „Le Grand-Lemps 5 km“ lese, wird es dann doch emotional für mich. Jetzt wird mir bewusst, es sind so die letzten Kilometer für dieses Jahr. Ich denke noch mal an die schönen Eindrücke und Begegnungen zurück, voller Dankbarkeit, dass ich es geschafft habe. Fast geschafft! Noch einmal geht es knallhart nach oben, aber auch diesmal entschädigt der Ausblick für alle Strapazen. Östlich sieht man die Alpen und südwestlich das Grenoble-Becken und sogar den Flughafen von Grenoble. Dann geht es steil bergab und ich erreiche nach über 30 km meinen Zielort Le Grand-Lemps. Ich habe diesen Ort ausgesucht, da hier der nächste Zuganschluss ist. In der Kirche hole ich mir meinen letzten Pilgerstempel und suche meine Unterkunft. Die liegt etwas außerhalb und natürlich an einem Berghang. Nach 32 km kehre ich dann bei einer sehr netten Familie mit Haus und Pool ein und kurz danach beginnt es auch zu regnen.
Jetzt freue ich mich auf Zuhause, auf meine liebe Ramona, der ich sehr dankbar bin, dass sie das so toleriert, dass ich diesen Weg gehen kann, mich dabei gedanklich immer begleitet. Und mich natürlich beim Packen immer gut unterstützt. Und ein kleiner Enkel ist auch unterwegs und da möchte ich natürlich zu Hause sein.
Morgen geht es erstmal mit dem Zug nach Lyon und von dort übermorgen nach München. Mit dem TGV. Wollte ich schon immer mal fahren. Jetzt sind von München aus in 3 Jahresetappen über 1000 km zu Fuß geschafft und ich hoffe, die Reise geht nächstes Jahr weiter. Der Jakob war auch bei mir. Es gab außer den großen Blasen keine Verletzungen und Krankheiten.
So, ich hoffe, ich konnte euch ein Stück mitnehmen und vielleicht zu ähnlichen Vorhaben anregen.
Macht es gut, vielleicht bis nächstes Jahr. Buen Camino!

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