Münchner Jakobsweg – 2. Etappe: Hohenschäftlarn – Kloster Andechs (29,7 km) – 04.05.2023

4. Mai 2023 – Von Hohenschäftlarn zum Kloster Andechs (29,7 km)

Ein Morgen mit Schrecken

Es sollte ein spannender Morgen werden. Gegen vier Uhr werde ich wach und stelle fest, dass mein Handy ausgeschaltet ist – und sich partout nicht mehr einschalten lässt. Sämtliche Versuche scheitern. Das Ding stellt sich komplett tot.

Bei mir geht sofort eine rote Warnlampe an: Ich habe ein Problem!

Schließlich sind auf meinem Handy sämtliche wichtigen Unterlagen gespeichert: Pilgerführer, Unterkunftsverzeichnis, Deutschlandticket und Landkarten. Alles hatte ich eingescannt, um unterwegs Gewicht zu sparen. Und nun das!

Das Adrenalin schießt mir derart durch den Körper, dass sämtliche Muskel- und Knochenschmerzen schlagartig verschwunden sind. Erstaunlich, was der Körper in solchen Momenten leisten kann.

Gedanklich spiele ich bereits sämtliche Möglichkeiten durch, wie ich mein Handy ersetzen könnte. Vermutlich würde mich das mindestens eine Etappe kosten.

Ich halte bis 5:30 Uhr durch und wecke dann Ramona telefonisch – zum Glück funktioniert die zweite SIM-Karte in meiner Uhr. Während sie von zu Hause aus nach möglichen Tastenkombinationen und Apple-Shops entlang meiner Route recherchiert, versuche ich immer wieder, das Handy zum Leben zu erwecken.

Hallo, heiliger Jakob! Mach deinen Job!

Und tatsächlich: Während eines weiteren Telefonats mit Ramona und nach der gefühlt zwanzigsten Wiederholung einer Tastenkombination erwacht mein Handy plötzlich wieder zum Leben.

In der Kombination Ramona und Jakob scheint es also doch zu funktionieren.

Danke, ihr zwei!

Wobei Ramona dem göttlichen Universum ohnehin etwas nähersteht als ich.

Aufbruch zum Starnberger See

An Schlaf ist nun nicht mehr zu denken. Also sitze ich bereits um sieben Uhr beim Frühstück. Der Raum ist schon mit einigen Gastarbeitern gefüllt. Die Jungs schweigen sich weitgehend an. Aber warum sollten sie auch viel reden? Schließlich sehen sie sich den ganzen Tag bei der Arbeit und abends auf ihren Zimmern wieder.

Noch vor acht Uhr breche ich auf und laufe zunächst nach Ebenhausen, um wieder auf den eigentlichen Jakobsweg zu gelangen.

Die Sonne scheint, und es wird schnell angenehm warm. Schon bald kann ich auf kurze Ärmel und kurze Hosen umstellen.

Unterwegs stehe ich vor einer Entscheidung: Soll ich Richtung Berg laufen und von dort mit dem Schiff nach Possenhofen übersetzen? Oder lieber um die Südspitze des Starnberger Sees herum nach Starnberg wandern?

Ich entscheide mich für Starnberg, auch weil ich dort meine Wasservorräte auffüllen möchte. Eine Schifffahrt schließe ich für die kommenden Tage allerdings nicht aus. Vielleicht bietet sich am Ammersee eine Gelegenheit.

Nach rund zwölf Kilometern erreiche ich den Starnberger See. Da es noch relativ früh ist, hält sich der Tagestourismus glücklicherweise in Grenzen.

In Starnberg kaufe ich ein paar Kleinigkeiten ein und mache mich anschließend auf den Weg durch die mir bereits bekannte Maisinger Schlucht.

Begegnungen in der Maisinger Schlucht

Unterwegs sprechen mich zwei junge Männer an. Sie möchten wissen, wohin ich unterwegs bin, was es mit meiner Pilgerreise auf sich hat und wo es überall Jakobswege gibt.

Wenig später begegnet mir eine Bundeswehrsoldatin in Felddienstuniform, die mit zwei kleinen Schoßhündchen Gassi geht. Ein irgendwie lustiger Anblick. Dabei fällt mir wieder ein, dass an die Maisinger Schlucht ein militärisches Sperrgebiet grenzt.

Als die Schlucht enger wird, gönne ich mir eine Pause und kühle meine Füße im Bach.

Das Wasser ist braun gefärbt – nicht etwa, weil es schmutzig wäre, sondern wegen seines hohen Eisengehalts. Meinen Füßen ist das herzlich egal. Die genießen einfach die Abkühlung.

Am Ende der Schlucht erreiche ich den Maisinger See. Ein wunderschöner Ort, um ein wenig zu verweilen.

Hier spricht mich ein älteres Ehepaar an. Schnell stellen wir fest, dass wir auf derselben Pilgerroute unterwegs sind.

Die beiden waren bereits in Santiago de Compostela und haben auch sonst schon zahlreiche Wanderungen durch Europa unternommen.

Da bin ich also eindeutig noch der Anfänger!

Wir verabschieden uns mit einem herzlichen „Buen Camino!“

Zum ersten Mal höre ich diesen Pilgergruß auf meiner Reise.

Ich bleibe noch eine Weile am See sitzen und lasse den beiden bewusst etwas Vorsprung.

Schließlich soll jeder seinen eigenen Camino gehen.

Jetzt bin ich wirklich auf dem Jakobsweg

Als ich mich wieder auf den Weg mache, kommt mir eine Frau entgegen. Sie lächelt mich freundlich an. Wir gehen aneinander vorbei, doch plötzlich dreht sie sich noch einmal um und ruft mir zu:

„Buen Camino!“

In diesem Moment wird mir bewusst: Jetzt bin ich wirklich auf dem Jakobsweg angekommen.

Ich bekomme eine richtige Gänsehaut.

Und erstaunlicherweise werden sogar die Schmerzen in meinem Rücken und meinen Beinen für einen Moment etwas weniger.

Es sind genau diese kleinen Begegnungen, die das Pilgern für mich so besonders machen.

Die nächsten Kilometer führen mich durch den Wald, vorbei an der Münchner JVA-Außenstelle. Schließlich erreiche ich den Kreuzweg, der hinauf zum Kloster Andechs führt.

Ankunft am Kloster Andechs

An der Klosterpforte hole ich mir voller Stolz meinen nächsten Pilgerstempel.

Und wen treffe ich dort wieder? Das ältere Pilgerpaar vom Maisinger See!

Meine Unterkunft befindet sich unten im Ort. Also mache ich mich langsam wieder an den Abstieg.

Inzwischen spüre ich jeden einzelnen Kilometer. Alles schmerzt. Die knapp 30 Kilometer des heutigen Tages haben deutliche Spuren hinterlassen.

Nach dem üblichen Pilgerritual – Wäschewaschen und Duschen – zieht es mich noch einmal hinauf zum Kloster.

Diesmal allerdings nicht zum Beten, sondern zum Essen im Klosterbräustüberl.

Und tatsächlich treffe ich auch dort meine beiden Pilgerbekanntschaften wieder.

Norbert, Inge und die Ermutigung zum Weitergehen

Jetzt erfahre ich auch ihre Namen: Norbert und Inge.

Die beiden erzählen mir von ihren zahlreichen Pilgerreisen, von beeindruckenden Landschaften und vor allem von den Menschen, denen sie unterwegs begegnet sind.

Sie machen mir Mut, eines Tages ebenfalls bis nach Santiago de Compostela zu pilgern.

Norbert ist bereits 75 Jahre alt. Davor habe ich wirklich großen Respekt!

Als ich erzähle, dass ich 54 bin, schauen mich beide überrascht an. Sie hätten mich deutlich jünger geschätzt.

Na, das hört man doch gern!

Norbert möchte mich noch auf ein Bier einladen. Aber ich trinke keinen Alkohol und bin inzwischen auch viel zu müde, um noch länger zu bleiben.

Also verabschieden wir uns für heute.

Aber ich bin mir ziemlich sicher: Morgen werden wir uns wiedersehen.

Buen Camino!

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